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Mehr!

Jutta Allmendinger entgegnet diesen ungaren Ausführungen zur Studierendenquote mit deutlich weniger, aber besseren Argumenten. Trotzdem bleibt sie im ökonomistischen Denken des Mainstreams verhangen.

So bräuchten Hartz4-Empfänger Leute, die sie ausbildeten, weil besser ausgebildete bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. Das Bildungsniveau müsste aus diesem Grund auch generell angehoben werden – immerhin lägen wir im OECD-Vergleich bei den Studienanfängern deutlich unter dem Durchschnitt (hier wird tatsächlich mal eine Studie zitiert). Auch das Demographieargument erscheint schlüssig: Wenn es weniger junge Menschen geben wird, müsse ein größerer Teil von ihnen studieren um die jetztige Zahl an Akademikern zu halten.

Zukunftsfähig solle das System gemacht werden, durch Grundbildung für ein lebenslanges Lernen, leichteren Hochschulzugang für Nichtabiturienten, Überarbeitung der unzähligen Ausbildungsberufsbilder und bessere Studienbedingungen. Akademische Bildung ist ihr da aber zu abstrakt. Ihr Bildungsbegriff ist ein anderer, wenn es denn überhaupt einer ist:

Eine hohe Bildung bedeutet, theoretisches Wissen mit Erfahrung zu verknüpfen und gleichzeitig soziale Kompetenzen und Gemeinsinn zu entwickeln.

Inzwischen fällt es ziemlich schwer die Prämissen ihrer Thesen zu identifizieren. Brauchen wir die Studis für die Wirtschaft oder gibt es da noch etwas anderes? Ist Bildung etwa ein Gut an sich? Zeugt ihr Bildungsbegriff von Empathie gegenüber jenen, die mehr wollen als nur einen guten „Job“, oder vielmehr davon, dass sie nicht weiß, wie sie diesen (für sie) leeren Signifikanten füllen soll?

Doch der Leser muss hier nicht verzagen, gleich wird sie deutlicher: Der Bachelor habe das Potenzial anwendungsbezogen auszubilden, lässt sie schreiben.  Dazu sollen Studierende Praktika absolvieren (was wir ohnehin shcon alle tun). Außerdem gehörten „Berufspraktiker in die Hochschulen und mehr Hochschullehrer in die Betriebe“. Man könnte diese Stelle leicht übergehen oder mit einem kurzen Kommentar zur Funktion von Bildung und Studium abtun, aber der soziologisch geschulte Blick sollte sehen, was hier eigentlich gefordert wird: nämlich eine Rollenverflechtung von Wissenschaft, Erziehung und Wirtschaft (und wenn man etwas marxistisch angehaucht ist, mit dem Zusatz: zur Aufrechterhaltung der bestehenden Produktionsverhältnisse).

Die Probleme einer zu großen Nähe von Theorie und Gegenstand zeigten sich doch gerade erst in schrecklicher Weise im Versagen der Wirtschaftswissenschaft als Reflexionstheorie und Ausbildungsstudium der Wirtschaft. Als Soziologin sollte Allmendinger das eigentlich aufgefallen sein. Man kann diese Gefahr kaum überbetonen. In der Medizin hat die Rollenverflechtung (und damit im soziologischen Sinn die Korruption des Wissenschaftssystems) bereits Ausmaße angenommen, die unser aller Gesundheit zum Spielball der Pharmaindustrie macht, selbst wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was in den verlinkten Artikeln steht.

Wer also das Studium näher an die Praxis rücken will, muss höllisch aufpassen, was für Geister sie da ruft.

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Über die von Allmendinger der Hochschul(aus-)bildung zugedachte Funktion lässt sie uns dann auch nicht weiter im Unklaren:

Technische Innovationen, zentral für die Wirtschaftsdynamik, sind von Hochschulabsolventen zu erwarten, nicht aus der beruflichen Bildung, so wichtig diese auch ist. In den Spitzentechnologien liegt Deutschlands Zukunft.

[…] Wir reden über einen Standort Deutschland, der sich ein differenziertes, durchlässiges Bildungssystem leisten sollte.

Hochschule soll also technische Innovationen produzieren um die Wirtschaftsdynamik des (Wettbewerbs-)Standortes Deutschland in Zukunft zu sichern. Anders herum: Von wem keine technischen Innovationen zu erwarten sind, der gehört auf den unteren Teil der Prioritätenliste. Arme Geistes- und Sozialwissenschaftler (arme Frau Allmendinger!). Wer ein Studium aus anderen Gründen außer dem persönlichen oder nationalen wirtschaftlichen Vorteil aufnimmt, macht etwas falsch. Wer in Wissenschafts- und Hochschulpolitik etwas anderes sieht als eine „Investition in die Zukunft“, ist hoffnungslos romantisch.

Auch mit Allmendinger scheint man sich am Ende doch noch versöhnen zu können:

Möglich ist das aber nur, wenn wir alle mitnehmen. Wir dürfen uns nicht nur über die Exzellenz da oben den Kopf zerbrechen, sondern müssen uns auch um die Bildung da unten kümmern.

Abgesehen von der ungünstigen Formulierung „die Bildung da unten“, kann auch dieser Schluss nicht über ihreeinseitige Funktionsbestimmung hinwegtrösten – sie negiert sie auch nicht. Spannend ist nicht nur zu sehen, dass und wie man jetzt auch mit vermeintlich linken progressiven Ideen dem Neoliberalismus (verzeiht diese vulgäre Referenz) verfallen kann. Spannend ist auch, was sich aus dieser Wirtschaftsfixierung noch so alles ergibt: Ein Mangel an Kritik an sog. Praxisnähe und deren Voraussetzungen imWissenschaftssystem; dann natürlich die Ausblendung (möglicher) nichtwirtschaftlicher Gewinne – und negativer Externalitäten – in Kunst, Erziehung, Sport, Gesundheit, Recht, der Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden und nicht zuletzt der Wissenschaft selbst, ja und vielleicht sogar in der Politik!; eine, wie ich finde, ungesunde Fixierung auf die Zukunft, die die Gegenwart negiert und die Vergangenheit vergisst.

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Es mag unfair sein, Frau Allmendinger und Herrn Brauner nur an ihrem einen Artikel in der Zeit zu messen – das ist hier auch nicht der Anspruch! Meine Auseinandersetzung gilt eben nur diesen Artikeln, die für mich den Mainstream der Bildungsdiskussion außerhalb der Hochschulen widerspiegeln. Dieses ökonomistische Leitbild ist für eine der modernen Gesellschaft, ja auch der modernen kapitalistischen Gesellschaft mit all ihren bereits bestehenden Ungerechtigkeiten, angemessenen Wissenschafts- und Hochschulpolitik untauglich. Am Ende wird es die funktionale Differenzierung unterminieren, die zumindest in der westlichen Welt halbwegs durchgesetzt ist, und wir haben anhand des real existierenden Sozialismus gesehen, was uns bei Entdifferenzierung blüht. Nur würde diesmal die Wirtschaft über die Politik bestimmen. So würde es auch nichts mit der nächsten Gesellschaft. Und an die Zwangsläufigkeit einer Revolution, wenn der Kapitalismus nur weit genug fortgeschritten sei, glaube ich auch nicht. Dann doch eher eine Rückkehr zum Pauperismus.

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Wird fortgesetzt…

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Teil I: Mehr oder Weniger?

Die Zeit brachte am 11.03. zwei Kommentare zur Studierendenquote, die am Montag auf Zeit Online erschienen und beide auf wunderbare Weise zeigen wie einseitig der Bildungsdiskurs von den meisten Nichtstudenten im Moment geführt wird.

Weniger!

Felix Brauner ist dagegen, dass die Quote angehoben wird. Seine Argumente sind zahlreich: So sei das Bachelorstudium einerseits nicht berufsqualifizierend, andererseits sei das Duale Ausbildungssystem höchst erfolgreich. Und Programme für Wedding Planning und Home and Gardening bräuchten wir hier wirklich nicht. Nur ist das auch gar nicht gemeint und wer Vergleiche zwischen den Bildungssystemem von Deutschland und den USA zieht, muss wissen, dass die amerikanischen Unis solchen Quatsch anbieten, weil sie damit Geld verdienen. Außerdem gibt es bei uns auch noch die VHS. Der Seitenhieb auf ehrgeizige Einzelkindeltern ist in dieser Diskussion als Argument ebenso nicht zulässig. Dabei hat niemand auch nur im entferntesten vor „ein- bis zweijährige Alibistudiengänge auf dem Niveau von Berufsfach- und Fachschulen“ einzuführen, es widerspräche auch unserem System, das er offenbar schon ganz verdrängt hat.

All das würde weder Bildungschancen noch Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen fördern. Abgesehen von seiner schlechten Argumenten, scheint es als würde er zumindest nicht den Sinn des Bildungssystems in der ökonomischen Verwertbarkeit (also Aus-Bildung), sondern auch in der individuellen Bildung sehen. Doch weit gefehlt! Seine Argumente bleiben flach und/oder wirtschaftlich orientiert.

Man bräuchte insgesamt nicht mehr Akademiker, weil einerseits die Unternehmen „Hierarchien abbauen“ und andererseits Forschung und Entwicklung wichtiger werden würden, also eine ausgeglichene Entwicklung. Dazu hätte ich dann doch die einschlägigen Studien zitiert gesehen. Richtig schlimm wird es an folgender Stelle:

Die Studenten sind frustriert, wenn sie nach einem überlangen Bildungs(um)weg schließlich eine Beschäftigung aufnehmen, die aus ihrer Sicht unter ihrem Niveau liegt. Die Hochschulen betreuen eine unverhältnismäßig große Zahl von Studenten, die schon bald ihr Interesse an einer wissenschaftlichen Ausbildung verlieren und nur noch eins wollen: die Universität schnell verlassen.

Hier wird ein Zusammenhang zwischen Abbrecherzahl und angeblich drohender Frustration durch unterwertige Beschäftigung und vorherigem Studienabbruch suggeriert, was nach bisherigem Stand der Physik nicht möglich sein sollte. Ob die Angst davor Studis zum Abbruch bewegen könnte? Oder ganz vom Studium abhält? Sicher nicht mehr als Studiengebühren. Wie gesagt, Studien zum Bedarf an Akademikern werden nicht zitiert.

Nichtgymnasiasten sollte es sogar erschwert werden, einfach so zu studieren, was sie wollen, wenn sie einmal gewisse Qualifikationen erreicht haben (hier wird der Meister genannt). Stattdessen soll bürokratisch festgelegt werden, wer mit welchen Qualifikationen was studieren darf. Einzig innovativ ist die Idee der speziell zugeschnittene Studiengänge für Meister. Ob es dafür genug Nachfrage gäbge und Universitäten das überhaupt leisten können, weiß ich nicht.

Die Prämissen und Folgerungen von Brauner können wie folgt zusammengefasst werden: An (außerwissenschaftlichem) Arbeitsmarkt soll sich orientiert werden, alles soll daher bleiben wie bisher, nur die bürokratische Hürden für Nichtgymnasiasten sollen noch höher werden.

Zum Schluss kommt dann doch noch eine einsichtige Forderung, allerdings nicht ohne (performativen) Widerspruch:

Am besten wäre es freilich, die Universitäten würden die Verberuflichung ihrer Studiengänge zurücknehmen und sich in ihrer Lehre auf das besinnen, wozu sie etabliert wurden, nämlich die Gestaltung und Organisation wissenschaftlicher Bildung.

Den Professoren, zumindest an den regulären Universitäten, würde das sicher gefallen. Auch viele Studierende würden diese Rückbesinnung auf die universitäre „Kernkompetenz“ begrüßen – andere freilich nicht. Aber vielleicht sollten wir an das Denken, was jenseits des Konflikts von Bildung und Ausbildung liegt. Ich glaube nämlich, da gibt es was.

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Wird fortgesetzt…

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